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DIE KONTRAKTE DES KAUFMANNS, PREMIERE 21.11.2009
GÖTTINGER TAGEBLATT Jelinek lässt die Kleinanleger zu Worte kommen, die ihre Altersvorsorge einbüßten. Doch die Autorin schlägt sich nicht vorbehaltlos auf die Seite der Betrogenen. Denn auch sie wurden getrieben von Gier. Mindestens 15 Prozent Rendite jährlich hatte ihnen der Finanzjongleur versprochen. Wer auf einen solchen Gewinn spekuliert, ist entweder naiv oder nimmt betrügerisches Handeln billigend in Kauf. Bei Jelinek sprechen auch die Banker. Sie rechtfertigen sich wortreich, doch immer wieder bricht sich ihre Geringschätzung der Nichtreichen Bahn. Selbst Schuld, lautet ihre zynische Botschaft. Jelinek hat mit viel Wortwitz und lustvoller Boshaftigkeit geschrieben. Regisseur Gersch ist es mit seinem Team großartig gelungen, diesem Wortschwall eine angemessene, weil strukturierende, aber dennoch ausreichend offene Form zu verleihen. Hier läuft kein chronologisches Geschehen ab, hier wird debattiert. Dafür hat Gersch mit vielen brillianten Regieeinfällen den Rahmen geschaffen. (...) Das Ensemble spielte in diesen Szenerien geradezu rauschhaft. Die Akteure mussten viel sperrigen Text lernen, doch ohne Hänger bleiben bei dieser kaum lösbaren Aufgabe die Wenigsten. Also hat man aus der Not eine Tugend gemacht. Statt Textaussetzer zu überspielen, brüllen die Schauspieler in Richtung Souffleuse, deutlich vernehmbar hilft Gisela Bohmann weiter. Einer von vielen grandiosen Regieeinfällen, die zu einer bemerkenswert dichten, präzisen und humorvollen Inszenierung beitragen. Alles richtig gemacht, viel gewagt und schließlich gewonnen. Selten war nach einer Premiere ein derart vergnügtes und aufgekratztes Publikum zu erleben.
HNA Es war wohl die innovativste, aber auch die schwierigste Premiere in dieser Spielzeit, denn Jelineks Textvorlage wollte erst für das Theater erschlossen werden: 100 Seiten Text, ohne verteilte Rollen, ohne erkennbare Handlung und mit wenigen strukturierenden Einschnitten. Ein wahrer Sprachfluss also, der wie die globale Finanzkrise über Schauspieler und Zuschauer hinwegschwappte. (...) Virtuos wurden faszinierende Bilder aufgebaut, die sich bei genauerem Hinsehen als inhaltslose Scheinwelt entpuppten und einzig der Ablenkung von den wahren Machenschaften der Finanzjongleure dienten. Jelineks Stück, inspiriert vom Skandal um die österreichische Meinl-Bank, bietet angesichts der globalen Krise weder Lösungen noch Trost, aber viel Raum zum Nachdenken.
ROMEO UND JULIA, PREMIERE 26.09.2009
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2009 Was manieristisch anmuten könnte, fügt sich als Regiekonzept im Sinn einer großen Allegorie glaubhaft und geschmeidig in die Sinnwelt der Liebestragödie ‚Romeo und Julia‘ in der nah am Original operierenden Übersetzung Thomas Braschs, die so unromantisch wie komisch im Obszönen schwelgt. Der Liebestod: eine ovidsche Verwandlung von szenisch evidenter Kraft. Vor allem aber malt die bizarre Szenerie zwischen Caspar David Friedrich (‚Die gescheiterte Hoffnung‘) und Mary Shelleys ‚Frankenstein‘-Finale ein Bild isolierter Liebesglut in einer Welt entropischer Kälte, die Liebe nicht kennt und ihr jede blutige Clanfehde überordnet. Dass Gersch zu Regielösungen fähig ist, die klar und kurzweilig einen Bedeutungskern herausstellen, weiß man spätestens seit seinem ‚Herr Lehmann‘ (...). Auch dieses Mal findet er einen flüssigen Erzählrhythmus mit grotesken Einsprengseln (...). Wie gern er zuspitzt, sieht man auch Gerschs Figuren an. Bruder Lorenzo (Jörg Zirnstein) etwa mutiert (...) zum Schamanen mit Raubtierzahnkette und Medizinbeutel: ein Herr über Leben und Scheintod, der im Beichtstuhl wie Doctor Who von der BBC aus dem Boden fährt. Michael von Burg als Romeo gestaltet seine Rolle mit Bravour – in den ‚Freeze‘-Momenten des Balls bei Capulets und den keinen Klimmzug scheuenden Liebesszenen ebenso wie später, da er das Duell mit Paris (Florian Thunemann) im Sixpack-Schaumstoffbody führt. Auch Friederike Otts Julia ist mit ihren konvulsivischen Anfällen im Eis, ihrem nie zaudernden Weg vom Püppchen zur Person viel mehr als süß – wenngleich ebendies so entschieden, dass man ihr die vierzehn Jahre jederzeit glaubt. Alles in allem: verspielt, bildkräftig, intelligent.
Frankfurter Rundschau, 28.09.2009 Tilman Gersch siedelt seinen Shakespeare im Großen Haus hoch im Norden an. Das ist nicht nur ein verblüffend unaufdringliches Bild für Lebensmut in frostiger Atmosphäre. Sondern es sorgt für lebhafte Inszenierungsmöglichkeiten. Zwischen Eisschollen muss man beweglich bleiben, um nicht zu frieren, und sich warm anziehen (abwechslungsreiche Winterausstattung: Miriam Grimm). (...) Es lässt die vertraute Geschichte vielmehr taufrisch wirken. Was wir sehen – und zu hören bekommen in Thomas Braschs brachialwitziger Übersetzung –, ist eine über weite Strecken wunderbar ausgetüftelte Losgelassenheit: Zwischen dem Springen, Klettern, Hauen und Eispickelstechen öffnet sich der Blick auf ein enges Beziehungsgeflecht auf, in dem auch Julias Zwangsbräutigam Paris mehr sein darf als ein Trottel am Rande und die Eltern wahrlich Eltern sind (Macht, Liebe, Ahnungslosigkeit untrennbar verwickelt). Wie Julia, Friederike Ott, deren Mädchenzimmer ein Kühlschrank ist, mit der kessen Amme, Doreen Nixdorf, viel vertrauter ist als mit der verfrorenen Mutter, Susanne Bard: Regisseur Gersch braucht nur Blicke, ein kurzes Zucken, um deutlich zu machen, dass hier eine lange gewachsene (und keineswegs in wenigen Probenwochen aus dem Boden gestampfte) Konstellation vorgeführt wird. Michael Birnbaum als nicht auf den Mund gefallener Mercutio erweist sich (...) als Schläger, der unter das Erwachsenenstrafrecht fallen sollte. Michael von Burg als Romeo ist zweifellos noch ein Kind. Die Liebe wird ihn dumm machen. Man sieht ihn und Ott vor Liebe buchstäblich schmelzen. (...) Ein sehr shakespearischer Abend.
Wiesbadener Kurier, 28.09.2009 Familienfehde im ewigen Eis: die Capulets und Montagues in gegenseitigem Hass erfroren und erstarrt. Auf Fellstiefeln entwickelt die Tragödie eine ungeheure Dynamik von nur zwei Spielstunden. Schlag auf Schlag die Szenenwechsel, durchchoreografiert alle Krawall- und die Kampfszenen: schnelle und präzise Bewegungen gegen die Kälte in der Kälte. Romeo (eindrucksvoll kraftvoll Michael von Burg) trotzt ihr im leichten Hemd ohnehin, und Julia (Friederike Ott) ist ostentativ aus ihrem Kühlschrank herausgekrochen. Liebe wärmt. Aus der Kälte heraus lösen sich Maskenball-Szene mit blinkendem Neonherz fürs Liebespaar, eine fidele Amme (Doreen Nixdorf), ein wunderbar tumber Diener Peter (Tobias Randel) und Michael Birnbaum, dessen Mercutio von allem Eisverhängnis drumherum unbeeinträchtigt feurig bleibt. Ob mit ‚na los, ihr Komiker‘ oder mit der Lerche gegen die Nachtigall – das Ensemble stellt sich in Sprache und Tanz glänzend dar. Das Publikum ist auf den Schollen mitgerutscht und wird auch von einem konsequenten Schlussbild belohnt.
Frankfurter Neue Presse, 28.09.2009 Regisseur Tilman Gersch folgt konsequent seiner ausgefallenden und zugleich symbolhaften Idee, das tragische Geschehen in die feindliche Welt des ewigen Eises zu verlegen, was unversöhnlich die Ausweglosigkeit, das Absterben alles Lebendigen unterstreicht. Auf und vor der Bühne stapeln sich riesige Eisplatten, Packeis wird vor gläsern blauem Polarhimmel zur Aktionsfläche (Bühne: Miriam Grimm). Gersch bekommt damit eine menschenfeindliche Plattform für seine Inszenierung, die dem Zuschauer einerseits extrem emotionale Wechselbäder zumutet, andererseits mit märchenhaft entrückten Maskeraden überrascht. Katzentiere, ja selbst der Tod, ziehen auf Skiern magisch ihre Spuren im Schnee: Szenen mit viel Shakespeare-Flair. Packend die wilden Kampfszenen und Bandenkriege der rivalisierenden Familien, mit ausgeprägter Brutalität der Nahkampf zwischen Romeo und Tybalt, der an Videospiele erinnert. Trotz der Rasanz im Ablauf lässt die Regie wunderbare Inseln der Liebe und Zärtlichkeit zu (...). Gersch inszeniert über weite Strecken gewohnt kompromisslos und dennoch atmosphärisch nachvollziehbar und stimmig. Die Akteure (...) agieren mit schonungslosem Einsatz auf hohem darstellerischen Niveau. Großartig die Besetzung des Romeo mit Michael von Burg, der mit einer Fülle gelebter Emotionen, fernab jeden Klischees eines romantischen Liebhabers, die Aufführung entscheidend trägt. Friederike Ott ist seine erfreulich unsentimentale Julia, ein beinahe emanzipiertes, anmutiges Mädchen, das unerschrocken seinen Weg geht. Markant: Michael Birnbaums uriger Mercutio im Rocker-Habitus, Lars Wellings verwegener Tybalt, Florian Thunemanns sportiver Graf Paris und Doreen Nixdorf, die als jugendliche Amme die Fronten komödiantisch durchmischt. Am Ende Ovationen der jugendlichen Besucher, aber auch lang anhaltender Beifall von einem Publikum, das sich von Gerschs Interpretation überzeugen lassen konnte.
Wiesbadener Tagblatt, 28.09.2009 Miriam Grimm (Bühnenbild und Kostüm) entwarf als Aktionsfläche zwei multifunktionale Inseln aus übereinander geschichteten Eisschollen (...). Von Oliver Wronka erstklassig choreografierte, temporeiche Kampfszenen finden hier statt (Training: Frederik Rohn). Romeo (jugendlich-agil: Michael von Burg) (...) springt leichtfüßig von Scholle zu Scholle. Unter dem Beifall des Premierenpublikums vollführt er im Zeitlupentempo einen Klimmzug nach dem anderen, um die zarte, aber selbstbewusste Julia (überzeugend: Friederike Ott) zu küssen.
Bild, 29.09.2009 Shakespeares ‚Romeo und Julia‘ in Wiesbaden irritiert und packt zugleich. Frisch, frech, fetzig unterkühlt. Rasant entfaltet sich das tragische Verwirrspiel junger Liebe. Sehr musikalisch, manchmal ruppig, immer einschmeichelnd. Vor allem die beiden Titelhelden überzeugen restlos. Michael von Burg und Friederike Ott sind ein geiles Traumpaar. Da sieht man tatsächlich zwei in den Wirren der Pubertät, hilflos dem Wüten der unberechenbaren Triebe ausgeliefert. Grandios gespielt. Wertung: SEHR GUT
Journal Frankfurt, 16.10.2009 Die Leistung von Tilman Gersch anzusiedeln, der am Staatstheater Wiesbaden eine fulminante Inszenierung von Shakespeares ‚Romeo und Julia‘ ablieferte und sich damit seit seiner ‚Wie es euch gefällt‘-Arbeit vor zwei Jahren an Subtilität steigerte. Die Einstudierung geriet frisch und peppig - wenn es nicht ein so trauriger Stoff wäre, könnte man sagen: fröhlich. Wesentlichen Anteil am Gelingen hatte dabei Bühnen- und Kostümbildnerin Miriam Grimm. In der Staffel der ersten drei Schauspielpremieren nach der Sommerpause zeigte das Ensemble sich seines oberen Ranges in der hessischen Theaterlandschaft absolut würdig. Es gelang Miriam Grimm mit einfachen und witzigen Ideen, auch das distanzierte Verhältnis zwischen Eltern und pubertierenden Kindern zu visualisieren. Das arktische Szenario ermöglicht aber mehr als ein bisschen symbolisches Trara. Allein die Kostümierung der Schauspieler gibt der Inszenierung eine perlend erfrischende Note. Julia, von der knabenhaft hübschen Friederike Ott hinreißend gespielt. [Die] Beschleunigung auf allen Ebenen macht einen großen Reiz des neu gewandeten und dadurch verfremdeten alten Tragödenstoffes aus. Man wird mitgerissen in den heiß-kalten Strudel der Ereignisse, angeheitert durch musikalische Einlagen, […] Beschwingt, fast beschwipst verlässt man das Hessische Staatstheater. Ein gelungener Abend! Michael von Burg gibt den quirligen, leicht entflammbaren Romeo und Friederike Ott, (…) die zarte Göre Julia in Röhrenhosen und Ringelshirt. Die zwei stürzen sich in den Liebestaumel wie in ein Eisloch im See. Ein Abenteuer. Die Momente, in denen sie einander verfallen, gehören zu den schönsten des Abends. Dabei erweist sich Gersch als gewitzter und bildmächtiger Regisseur mit Hang zu schrägem Klamauk. Insgesamt gelingt ein Abend großer Unterhaltsamkeit. >> Die Liebenden Romeo und Julia als erfrischend junges und cooles Paar.